Der Bruch mit der Schönheit

Ein dorniger Rücken in seiner Zerbrechlichkeit. Sie spürt die Finger ihres Spiegelbildes über die kleinen spitzen Hügel ihrer Wirbelsäule fahren. Ihre eigenen Finger spüren nur die kleinen spitzen gleichmäßigen Störungen unter dieser glatten, weichen Haut. Und dort wo das schlangenförmige Skelett, Skelett eines Fossils, eines versteinerten Reptils, endet, sitzt dieses kleine rote Höschen. Es hängt etwas. Dieses Höschen. Ganz fein ist der Stoff, in Spitzen endend. Teuer war dieses Höschen auch. Ihre Finger fahren den Bund ab. Lieben die spielerische Ablenkung. Sie liebt diesen spielerischen Hauch von einer Kostbarkeit auf ihrer makellosen Haut ihres makellosen, kleinen, runden Pos. Sie liebt diesen nicht ganz vollkommenen Rücken. Dieser Rücken, der so stark ist und dabei jedem Betrachter Schutzbedürftigkeit vortäuscht. Sie wendet ihren Blick von ihrer in Glas gefangenen Rückseite ab, dreht ihren Hals nach vorne in die Bequemlichkeit. Ihre Augen fixieren den Kleiderhaken rechts von ihr. Die Kleidung fällt in ihre rechte Hand, die sie zum Körper führt. Ihre Augen starren in die Leere. Versinken im Meer weißer Fliesen. Blenden die grauen Fugen aus. Während sie ihren Körper in eine Hülle teurer Stoffe hüllt. Ein schrilles, buntes Oberteil. Raffiniert geschnitten und gewickelt. Mit kleinen gepufften Ärmeln. Und dazu diese glänzende knappe Short. Ein knappes Etwas auf nackter Haut. Ein knappes Etwas, aus dem lange, glatte Rehkitzbeine schauen. Alle Blicke auf sich ziehen werden. Ihre schmalen Füße gleiten in Highheels hinein, die die Füße sorglos mit einem kleinen, hauchdünnen Riemchen über ihren Zehen an sich binden. Sie wird heute ausgehen. Keine Frage. Sich endlich wieder amüsieren nach all dieser Zeit. Keine Frage. Mädelsabend. Endlich mal wieder mit ihr. Sie dreht sich zum Spiegel um und ihr Spiegelbild lächelt sie zufrieden an. Aus einem zarten Gesicht. Beinahe nicht echt. Viel zu vollkommen.

Auf der Straße ist wie immer ziemlich viel los. Früher konnte sie von all den Menschen nie genug bekommen. Vor allem von den Blicken. Abertausende Blicke. Stets auf sie gerichtet. Bewundernd, beneidend, anerkennend, flirtend. Streicheleinheiten für ihr Ego. Streicheleinheiten, die sie nur mit einem Lächeln bezahlen brauchte und manchmal nur mit einem leeren, starren Blick quittierte. Und immer das Gefühl begehrt zu werden. Und heute waren diese Blicke mehr. Sie waren keine Streicheleinheit. Sie waren Balsam für die Seele. Jeder einzelne schien wie eine Liebeserklärung. Zu wertvoll, um ihnen ihre Ernsthaftigkeit zu glauben. Sie senkte ihren Kopf, ihren Blick gen Boden. Wollte unbeobachtet hindurch schleichen. Durch diese Menschen. Diese Menschen, die nichts wussten. Die nur das sahen, was sie sehen wollten. Die nur das sahen, was sie gekonnt zur Schau stellte. Die das vernarbte Gewebe ihres Bauches unter dem Stoff weder sahen noch sich vorstellen konnten. Wie dumm doch die Menschen sind. Wie oberflächlich, denkt sie. Und dabei überkommt es sie. Sie muss lächeln. Ein aufrichtiges, aus dem Innersten kommendes Lächeln.

2 Kommentare 24.8.08 17:32, kommentieren

Liebe mich

Elizabeth, kommst du?, kommt es von unten aus dem Hauseingang. Der tiefe Bass von Aram.

Jaahaa! Ich bin doch kein D-Zug!, Elizabeth.

Mama, was ist ein D-Zug?, Timmi zieht an Elizabeths T-Shirt. Timmi ist der Kleine an ihrem Rockzipfel. Süßer Fratz, sagen alle, wenn sie ihn sehen. Timmi mit seinen goldenen Löckchen, die halb die Ohren verdecken. Ein süßes Gesicht hat er. Beinahe wie ein Engel. Früher haben sie ihn auch immer mit einem Mädchen verwechselt. Aber jetzt hat er diese breite Narbe, die knapp unter der Nase beginnt und in der Oberlippe endet. Papas Rasierer. Aram tut es jetzt noch leid.

Ein D-Zug ist ein ganz besonders schneller Zug. Und das D, das steht, glaub ich, für Durchfahrt., Elizabeth zieht das runde Bürstchen mehrmals durch ihre Wimpern. Bis sie tief schwarz sind. Sie mag lange, dichte Wimpern, die ihren unergründlichen braunen Mandelaugen die richtige Größe verpassen. Denn eingentlich sind sie viel zu klein. Beinahe asiatisch.

Aram kommt die Treppe zum Bad hoch, denn es reicht ihm. Er will nicht länger warten. Auf Elizabeth muss man ständig warten! Und ständig kommen sie deshalb zu spät zu ihren Freunden. Und jedes Mal wegen Elizabeth! 

Mensch, Elizabeth, biste nun endlich fertig?! Komm, Timmi, wir gehen schon mal runter zum Auto, damit Mama sich endlich fertig machen kann!, Aram schaut Elizabeth kurz durchdringend an und fasst nach Timmis Hand.

Elizabeth schenkt ihm ein schelmisches Grinsen. Ach komm schon, Aram, werd nicht unfair! Ich mach das doch nur, damit die anderen gelangweilten Ehemänner heute Abend mich ganz besonders sexy finden. Damit sie dich um mich beneiden!, Elizabeth schiebt die Bürste ihrer Wimperntusche zurück in ihr Fläschchen, wendet sich vom Spiegel ab, tritt an Aram heran, neigt ihren sinnlichen Mund an Arams Ohr und haucht im Flüsterton: Damit sie dich beneiden, dass du mich nachher nehmen darfst. Und wenn du ganz besonders artig bist, dann reite ich dich in der Hocke.

Elizabeth nimmt wieder ihre Position vor dem Spiegel ein, diesmal bewaffnet mit ihrem tiefroten Lippenstift. Du siehst, ich mach das nur für dich!, diesmal so, dass auch Timmi das hört, der aber eigentlich schon lange nicht mehr weiß, um was es geht und der sich so oder so viel brennender für die Verwandlung seiner Mama interessiert.

Aram nimmt den kleinen Timmi in die Arme, der seine weichen Kinderarme um seinen Hals schlingt, und verschwindet in Richtung Auto, ohne auch nur irgendetwas auf Elizabeths Versuch zu erwidern. Wie schön sie doch ist, denkt er. Wie frivol. Wie perfekt. Und ein klein wenig wird er nun eifersüchtig bei dem Gedanken, dass Elizabeth nicht nur ihm gehört. Dass die anderen Männer sie heute ebenso atemberaubend finden würden. Und gleichzeitig fühlt er sich geschmeichelt. Denn Elizabeth, die verdient nicht jeder. Ob er sie verdient? Er ist sich nicht sicher. Wahrscheinlich eher nicht. Aber er hofft, dass er sie ein ganz klein wenig mehr verdient hat als die Anderen. Aber sein Herz gibt ihm in dieser Hoffnung einen Stich. Ein erstickender Stich. Tief und unbarmherzig.

In Sabines und Eriks Einfamilienhaus ist alles nach Fengshui eingerichtet, alles unglaublich freundlich und harmonisch. Sabine kümmert sich um die drei Kinder und den Haushalt während Erik den Großteil seines Lebens in einer großen Bank im Investmentbanking verbringt. Die Kinder sind alle vorzeigetauglich. Bestens gekleidet in ihren kleinen Designerfummeln und mit auffallend gutem Benehmen. Und ihre Sätze sind kein kindliches Plappern, sondern wohlüberlegtes Nacheifern der gebildeten Erwachsenen. Elizabeth findet Sabines und Eriks Familienleben ziemlich spießig. Und jedesmal, wenn sie in diesem eleganten Wohnzimmer sitzen, dann liebt sie Aram für seine Spontanität noch mehr. Aber Sabine und Erik gehören bereits seit ihrer gemeinsamen WG-Zeit zu Elizabeths engsten Freunden. Sabine sitzt zwischen ihrem Mann und Elizabeth. Elizabeth neben Aram und Aram neben Lotta mit ihrem Mathias. Lotta ist Eriks Schwester und belegte einst das WG-Sofa, wenn sie im Club kein männliches Opfer mit Bett finden konnte. Aber das ist lange her, denn Mathias ist bislang ihr letztes. Lotta ist Krankenschwester und Mathias Sportlehrer an einer Schule für Sehbehinderte. Manchmal, denkt Elizabeth, sind die zwei ein schönes Pärchen. Fast so schön wie Aram und ich. Und dann denkt sie an Aram, der neben ihr sitzt. Jung und sportlich wie sie. Sie begehrt ihn manchmal zu sehr, das weiß sie. Und es macht ihr keine Angst. Keine Angst, weil sie Aram unendlich liebt. Bedingungslos liebt. Die Anderen reden angeregt über die Familienpolitik. Über die neuen Reformen. Ob die tatsächlich helfen? Und Elizabeth lächelt in sich hinein, während sie an Aram denkt. Damals...

Es war einer dieser heißen Julisamstage, in der Schwüle liegende Schwere. Am liebsten wäre Elizabeth im Park im Schatten einer Kastanie liegen geblieben. Einfach mal faulenzen. Nicht an die Neurologie-Vorlesung denken, die sie nicht wirklich verstanden hatte. Aber sie stand auf dieser Rolltreppe hoch in die CD-Abteilung dieses riesigen Fachmarktes. Lotta hatte Geburtstag und so wirklich was Originelles war ihr bislang für sie auch nicht eingefallen. Wenigstens nahm die Klimaanlage einbisschen die erdrückende Schwüle aus der Luft. Nur diese vielen Menschen, diese Masse, dieses Gewusel, blieben unerträglich für Elizabeth. Elizabeths schlanker, aber weiblicher Körper steckte in einer verwaschenen, hellblauen Jeans zu schwarzer Bluse und braunem Gürtel und Schuhen mit Absatz. Ihr langes, seidenes, dunkelbraunes Haar war mit einem pinken und einem roten Haargummi zusammengebunden. Da sie keine Handtasche besaß, steckte ihre EC-Karte in der vorderen linken Hosentasche und ihr Schlüssel zeichnete einen leichten Abdruck auf die rechte vordere Hosentasche. In der CD-Abteilung begab sie sich erst einmal zu den Neuerscheinungen, schaute sich die Cover an, überlegte, welches Genre das wohl sei und ob Lotta das wohl möge. Und da erblickte sie Aram und Aram erblickte sie. Nur von dem hüfthohen CD-Regal zwischen ihnen getrennt. Sie blickten sich für einen Moment an. Ein langer Moment, der die Zeit anhielt, das Schlagen der Herzen beschleunigte, die Lunge verhungern ließ und ein zwiegespaltenes Gefühl des Unbehagens und des Erstarren-wollens speiste. Ihre Finger suchten Halt an einer CD-Hülle. Sie schluckte und hoffte, er hätte die Härte dieses Schluckens nicht bemerkt. Er war groß. Muskulös. Aber Athletisch. Nicht übertrainiert. Unter seinem T-Shirt zeichnete sich ein flacher Bauch ab. Und dazu dieses gleichmäßige, männliche Gesicht. Sie schluckte erneut. Sie merkte, wie sie ihn nun anstarrte. Scham erfüllte sie und sie blickte zu Boden. Diese CD sei eine ganz große Scheiße und sie solle sich das Geld lieber sparen und ach übrigens, er heiße Aram., Aram hielt ihr über die Regalwand seine Hand hin. Hi, Elizabeth., sie ließ ihre Hand in seine gleiten. Und wieder verstrich ein Bruchteil eines Moments zuviel, in dem sie sich ihre Hände hielten. Danach sagten sie nicht mehr viel, sondern verschwanden auf die Kundentoilette. Es war nicht der Sex, der so besonders war. Denn es war der Sex mit einem fremden Menschen, der nicht genau weiß, was der Andere begehrt. Es war diese außergewöhnliche Situation, diese unendliche Übereinstimmung, die alles unwirklich und schön scheinen ließ. Elizabeth entschied sich danach für ein Best of...-Album und verließ das Geschäft mit einem nächsten, im Nachhinein unsinnigen One Night Stand mehr in ihrem Leben. Aber sie fühlte sich gut und endlich wieder einmal spontan und rebellisch. Doch einpaar Tage später schon bereute sie es, denn Aram ging ihr nicht mehr aus dem Kopf und jeder Gedanke an ihn schmerzte und pochte in ihrer Brust. Wie viele Arams es wohl in dieser Großstadt gab? Und wo sollte sie anfangen zu suchen? Ohne Nachnamen? Aber dann kam Lottas Geburtstag mit einer Feier im WG- und Kollegenkreis. Und plötzlich war Aram wieder da.

Elizabeth, gehts dir nicht gut? Ist alles in Ordnung? Du bist ja so still heute!

Ach so, nein, nein, Mathias, nur Tagträume, kennst du ja...

Tagträume? So, so! Von welchem knackigen Assistenzarztkollegen träumst du denn gerade? Oder lässt du dich vom Chefarzt verführen?, schaltet sich Erik ein, wobei er ob des gewitzten Untertons sein wahres Interesse nicht ganz zu verbergen schafft. Die Anderen kichern pubertär. Die Anderen - bis auf Aram, dem sein Grinsen verrutscht ist.

Der Abend vergeht gespickt mit kleinen Neckereien, alten Erinnerungen, ausgetauschten Erziehungstipps und politischen Diskussionen. Aram trägt den schlafenden Timmi zum Auto. Dann sitzen Elizabeth und Aram im Auto und winken Sabine und Erik zu. Und als sie dann losfahren und den Abend mit ihren Freunden nach und nach hinter sich lassen, schweigen sie. Sagen kein Wort, als hätten sie Angst, etwas zu zerstören. Seine Hände umfassen jetzt beide das Steuer. So, als könnte er sich dann besonders intensiv auf das Fahren, auf die Strecke, auf diese Maschinenkraft konzentrieren. Er will sich konzentrieren. Nur auf das Autofahren. Sonst nichts. Bloß nicht denken. Bloß nichts fühlen.

Aram?

Mmh?

Du, also vorhin, als wir auf dem Sofa saßen --

Mmh?

Also, da habe ich an dich gedacht. An unser erstes Treffen in der CD-Abteilung.

Er schaut sie für einen Moment kurz an. Sieht in der vom Mondlicht gebrochenen Dunkelheit ihre feinen Gesichtszüge. Sieht in ihren Augen das Schwarze im klaren Weiß.

Ja.

Na ja, weißt du, danach, danach habe ich dich nicht mehr aus meinem Kopf bekommen. Du warst da. Hier in meinem Herzen. Und ich war mir sicher, dass du der Richtige bist und sonst keiner.

Ehrlich?

Ja.

Und jetzt?

Jetzt nach all der gemeinsamen Zeit, nach Timmi,  jetzt mehr denn je.

Er schaut sie wieder kurz an. Würde gerne länger. Würde sie gerne küssen, den Geruch ihrer Haut und ihrer Haare einatmen. Sie halten und liebkosen.

Weißt du, Aram, letzte Woche, als ich deinen Blazer - du weißt schon, den von der Taufe bei Sabine und Erik - also, als ich deinen Blazer zur Reinigung gebracht habe, na ja, also, als ich die Taschen noch einmal auf Inhalt überprüfen wollte, da, also, da habe ich diesen kleinen Zettel gefunden. Und da stand, also da stand --

Er fühlt sich, als würde er gegen eine Betonwand fahren. Immer und immer wieder. Und statt Schmerz fühlt er nur diese Kälte beim Aufprall. Seine kleine Welt für immer verschluckt von einer Lawine. Er traut sich nicht, sie an zu sehen. Ihre Tränen, die über ihr Gesichtchen kullern. Diese Verletzlichkeit. Er erträgt sie nicht und starrt vor sich auf die schwarze Fahrbahn.

Er hört nur noch ihr Flüstern wie durch einen Schleier: da stand, "Danke für diesen verführerischen Nachtisch. Sabine". Du schläfst mit meiner Freundin und hälst es nicht einmal für nötig es zu verheimlichen.

Ihre Stimme wird lauter und schriller. Gerät außer Kontrolle und offenbart all die Angst und die Verstörtheit.

Du betrügst mich mit dieser biederen Schlampe?!

Aram wendet ihr vorsichtig, zaghaft den Blick zu. Er fühlt sich klein und schutzlos. Er fühlt sich mies. Denn sie hat recht. Und er hat ihr Unrecht getan. Er fühlt sich klein, schutzlos und zum ersten Mal in seinem Leben schmutzig. Und im selben Moment fühlt er sich von dieser Last befreit, dieses schwere Geheimnis mit sich rumzutragen und dabei ihr in die Augen schauen zu müssen.

Ich... Es...

Hör auf! Sag jetzt nicht, du wolltest es nicht, es ist nur so passiert oder dass es dir leid tut! Liebst du mich überhaupt? Schätzt du mich überhaupt? Schätzt du es, dass ich wie du Schichten im Krankenhaus schiebe, mich dann um Timmi kümmer, koche, wasche? Und schätzt du es überhaupt, dass ich dich liebe?

Ihre Stimme wird wieder leiser und ruhiger. Eine unerbitterliche Ruhe liegt in dieser Stimme.

Aram, weißt du, vorhin auf dem Sofa und überhaupt, die ganze letzte Woche, da ist mir wieder bewusst geworden, wie sehr ich die liebe. Wie unendlich ich dich begehre. Ich liebe dich bedingungslos. Und ich werde dich immer so lieben. Und wenn du mich auch nur einen Bruchteil davon liebst, dann nutz meine Liebe nicht aus. Dann musst du dich entscheiden. Für mich oder gegen mich. Und wenn du dich für mich entscheidest, dann ganz. Und dann waren wir auch das letzte Mal bei Sabine und Erik. Und das wir nicht mehr kommen, das erklärst du denen dann.

Der Rest der Autofahrt verläuft regungslos stumm. Nur das monotone Motorengeräusch untermalt die harte Stille. Durchbrochen von kleinen Schluchzern vom Beifahrersitz. Und als sie zuhause ankommen, trägt Aram Timmi ins Bett. Streichelt sein blondes Haar und drückt ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die kleine Kinderstirn.

In dieser Nacht hält Aram Elizabeth im Arm und gräbt seine Nase in ihr duftendes, weiches Haar. Er drückt sie an sich, wenn sie leicht schluchzt und sie lässt es gewähren. Und als ihr Schluchzen verebbt ist, nimmt er sie behutsam in der Vorahnung, dass es nie mehr so sein wird wie es war.

22.8.08 19:09, kommentieren

Emanuelle (Teil 1)

Ich bin also ein Wunschkind.

Emanuelles Blick verschwindet, richtet sich nach oben. Ob sie sich gerade beim Denken zusieht? Ihre schlanken Finger dieser zerbrechlichen rechten Hand streichen eine honigblonde, butterweiche Haarsträhne von der Wange hinter diese niedlichen kleinen Ohren. Das ist also Emanuelle. Emanuelle, das Wunschkind. Emanuelle, die neue Verantwortliche für das interne Personalmarketing. Emanuelle.

Also, der Name, der bedeutet Wunschkind. Ich weiß nicht... Na ja, schön klingt er, da haben Sie recht.

Sie mustert mich einen kurzen Moment. Eingehend. Ich fühle mich nackt unter diesem Blick. Entblößt.

Wie kann ich Ihnen weiter helfen, Frau Schmidt?

Schmidt. Was für ein plumper Name. Ein plumper Name für diese mädchenhafte Frau. Für Emanuelle. Beinahe beginne ich mich darüber zu ärgern. Über diesen Namen. Schmidt. 0-8-15.

Wir haben einen Fragebogen für unsere Mitarbeiter entwickelt. Primär möchten wir von Ihnen wissen, was Sie mit Ihrer Aufgabe und mit unserem Unternehmen verbinden. Was Sie besonders mögen. Vielleicht fallen Ihnen noch Emotionen ein, die Ihrer Meinung nach auf das Unternehmen zutreffen. Schlagworte. Auf der zweiten Seite finden Sie...

Ihr Mund. Ihre Lippen. Ihre geraden Zähne. Schneeweiß. Perfektion in Kirschrot umrandet. Linus hatte recht. Emanuelle ist eine Bombe. Eine Bombe, die Endorphine für uns Männer versprüht. Für Linus. Für Alex. Aber vor allem für mich. Für Maximilian.

... Der Bogen soll uns darüber hinaus als Grundlage für eine hausinterne Kampagne dienen. Haben Sie dazu noch Fragen, Herr Clemens?

Nein... Nein. Senden Sie mir den Bogen per Mail?

Sie nickt. Und sie lächelt. Kleine Grübchen rechts und links. Kleine Lachfältchen um die Augen.

Gut, dann schicke ich es Ihnen bis Ende der Woche ausgefüllt zurück.

Sie bedankt sich, reicht mir diese zarte Hand und wünscht mir noch frohes Schaffen.

Draußen auf dem Flur vor der nun geschlossenen Tür zu einer perfekten Welt atme ich erst einmal durch. Tief durch.

Emanuelle.

Linus schaut nicht einmal von seinem Bildschirm hoch in meine Richtung als ich zur Tür reinkomme. Linus ist groß. Bestimmt knapp zwei Meter. Er hat einen trainierten Körper inklusive Waschbrettbauch, den er in legere Modelabels hüllt. Sein Gesicht ist gleichmäßig und ziemlich männlich. Und zu seinen himmelblauen Strahleaugen passen dann auch noch perfekt das nussbraune, schulterlange, dichte Haar.  

Wir teilen uns ein großes, freundliches Büro mit schickem Inventar. Wir, das sind Linus, Alex und ich. An unserem Büro liebe ich vor allem meinen Bürotisch, der sich motorisiert so wunderbar in seiner Höhe verstellen lässt. Wobei mein Stuhl ist auch super. Der gibt immer so wunderbar nach, wenn man sich mit voller Wucht in die Rückenlehne reinknallt.

Dwu asf wasf m Gschischt.

Alex' Backen sind prall wie die eines Hamsters. In dem Zustand hat er tatsächlich auch eine unfehlbare Verwandtschaft mit diesem kleinen Nager. Alex sieht man nämlich auch ohne Backeninhalt seine Lieblingsbeschäftigung an: Passivmuskelaufbau. Und auf einer sehr kleinen Nase in diesem ballonartigem Gesicht thront dann noch diese Hornbrille in Form einer Nicki-Brille. Und weil Alex immer unglaublich gut gelaunt und hilfsbereit ist, liebkosen wir ihn manchmal verbal mit dem Wort Knuddelbärchen. Vielleicht sollten wir es aber demnächst in Hamster abändern.

Mensch Alex, kau halt mal hinter bevor du sprichst.

Linus schaut kurz auf, fixiert mich und übersetzt:

Mensch, Max, der meint, du hast was im Gesicht. Und wirklich, du hast da was. Ziemlich groß...

Linus gurrt in seinem tiefen Lachen und aus Alex' Mund quält sich ein ersticktes Röcheln.

Scheiße, Mann! Wo?! Was?!

Mein Spiegelbild in meinem Flatscreen schaut mich verzerrt an, während ich den Kopf hin und her drehe und wende und meinen Hals in merkwürdigen Verrenkungen positioniere. Begleitet vom Glucksen der Anderen.

Ich seh nichts!

Entspann dich doch mal! Das süße Schmidtchen wird schon nichts bemerkt haben!

Und wieder diese Lache von Linus.

Du kriegst das eh nicht aus deinem Gesicht! Diese Honigkuchenpferdefresse!

Nun folgt das Echo von Alex.

Ihr seid so doof, ihr seid so doof!

Ich hab mich wohl nicht mehr ganz unter Kontrolle und brülle schon beinahe. Dabei hechte ich durch den Raum. Erst zu Alex. Ich rüttel an seiner Stuhlrückenlehne, die so wunderbar unter seinem Gewicht nachgibt. Schlagartig lasse ich los und springe in Richtung Linus, um ihn nicht zu verschonen.

Insgeheim freue ich mich aber, an die Schmidt erinnert zu werden. An dieses schmale, kleine Gesichtchen mit der kleinen Stirn, den hohen Wangenknochen, den schmalen Bäckchen. Und in der Mitte diese riesigen blauen Kulleraugen. Diese prominente Nase, die sie weniger unfehlbar, weniger unnahbar werden lässt und dieser himmlische volle Mund über dem kleinen Kinn.

Emanuelle.

1 Kommentar 21.8.08 13:15, kommentieren