Der Bruch mit der Schönheit

Ein dorniger Rücken in seiner Zerbrechlichkeit. Sie spürt die Finger ihres Spiegelbildes über die kleinen spitzen Hügel ihrer Wirbelsäule fahren. Ihre eigenen Finger spüren nur die kleinen spitzen gleichmäßigen Störungen unter dieser glatten, weichen Haut. Und dort wo das schlangenförmige Skelett, Skelett eines Fossils, eines versteinerten Reptils, endet, sitzt dieses kleine rote Höschen. Es hängt etwas. Dieses Höschen. Ganz fein ist der Stoff, in Spitzen endend. Teuer war dieses Höschen auch. Ihre Finger fahren den Bund ab. Lieben die spielerische Ablenkung. Sie liebt diesen spielerischen Hauch von einer Kostbarkeit auf ihrer makellosen Haut ihres makellosen, kleinen, runden Pos. Sie liebt diesen nicht ganz vollkommenen Rücken. Dieser Rücken, der so stark ist und dabei jedem Betrachter Schutzbedürftigkeit vortäuscht. Sie wendet ihren Blick von ihrer in Glas gefangenen Rückseite ab, dreht ihren Hals nach vorne in die Bequemlichkeit. Ihre Augen fixieren den Kleiderhaken rechts von ihr. Die Kleidung fällt in ihre rechte Hand, die sie zum Körper führt. Ihre Augen starren in die Leere. Versinken im Meer weißer Fliesen. Blenden die grauen Fugen aus. Während sie ihren Körper in eine Hülle teurer Stoffe hüllt. Ein schrilles, buntes Oberteil. Raffiniert geschnitten und gewickelt. Mit kleinen gepufften Ärmeln. Und dazu diese glänzende knappe Short. Ein knappes Etwas auf nackter Haut. Ein knappes Etwas, aus dem lange, glatte Rehkitzbeine schauen. Alle Blicke auf sich ziehen werden. Ihre schmalen Füße gleiten in Highheels hinein, die die Füße sorglos mit einem kleinen, hauchdünnen Riemchen über ihren Zehen an sich binden. Sie wird heute ausgehen. Keine Frage. Sich endlich wieder amüsieren nach all dieser Zeit. Keine Frage. Mädelsabend. Endlich mal wieder mit ihr. Sie dreht sich zum Spiegel um und ihr Spiegelbild lächelt sie zufrieden an. Aus einem zarten Gesicht. Beinahe nicht echt. Viel zu vollkommen.

Auf der Straße ist wie immer ziemlich viel los. Früher konnte sie von all den Menschen nie genug bekommen. Vor allem von den Blicken. Abertausende Blicke. Stets auf sie gerichtet. Bewundernd, beneidend, anerkennend, flirtend. Streicheleinheiten für ihr Ego. Streicheleinheiten, die sie nur mit einem Lächeln bezahlen brauchte und manchmal nur mit einem leeren, starren Blick quittierte. Und immer das Gefühl begehrt zu werden. Und heute waren diese Blicke mehr. Sie waren keine Streicheleinheit. Sie waren Balsam für die Seele. Jeder einzelne schien wie eine Liebeserklärung. Zu wertvoll, um ihnen ihre Ernsthaftigkeit zu glauben. Sie senkte ihren Kopf, ihren Blick gen Boden. Wollte unbeobachtet hindurch schleichen. Durch diese Menschen. Diese Menschen, die nichts wussten. Die nur das sahen, was sie sehen wollten. Die nur das sahen, was sie gekonnt zur Schau stellte. Die das vernarbte Gewebe ihres Bauches unter dem Stoff weder sahen noch sich vorstellen konnten. Wie dumm doch die Menschen sind. Wie oberflächlich, denkt sie. Und dabei überkommt es sie. Sie muss lächeln. Ein aufrichtiges, aus dem Innersten kommendes Lächeln.

24.8.08 17:32

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Lisa / Website (16.9.08 18:20)
Sehr schön.

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