Liebe und andere Laster (diary)

Emanuelle (Teil 1)

Ich bin also ein Wunschkind.

Emanuelles Blick verschwindet, richtet sich nach oben. Ob sie sich gerade beim Denken zusieht? Ihre schlanken Finger dieser zerbrechlichen rechten Hand streichen eine honigblonde, butterweiche Haarsträhne von der Wange hinter diese niedlichen kleinen Ohren. Das ist also Emanuelle. Emanuelle, das Wunschkind. Emanuelle, die neue Verantwortliche für das interne Personalmarketing. Emanuelle.

Also, der Name, der bedeutet Wunschkind. Ich weiß nicht... Na ja, schön klingt er, da haben Sie recht.

Sie mustert mich einen kurzen Moment. Eingehend. Ich fühle mich nackt unter diesem Blick. Entblößt.

Wie kann ich Ihnen weiter helfen, Frau Schmidt?

Schmidt. Was für ein plumper Name. Ein plumper Name für diese mädchenhafte Frau. Für Emanuelle. Beinahe beginne ich mich darüber zu ärgern. Über diesen Namen. Schmidt. 0-8-15.

Wir haben einen Fragebogen für unsere Mitarbeiter entwickelt. Primär möchten wir von Ihnen wissen, was Sie mit Ihrer Aufgabe und mit unserem Unternehmen verbinden. Was Sie besonders mögen. Vielleicht fallen Ihnen noch Emotionen ein, die Ihrer Meinung nach auf das Unternehmen zutreffen. Schlagworte. Auf der zweiten Seite finden Sie...

Ihr Mund. Ihre Lippen. Ihre geraden Zähne. Schneeweiß. Perfektion in Kirschrot umrandet. Linus hatte recht. Emanuelle ist eine Bombe. Eine Bombe, die Endorphine für uns Männer versprüht. Für Linus. Für Alex. Aber vor allem für mich. Für Maximilian.

... Der Bogen soll uns darüber hinaus als Grundlage für eine hausinterne Kampagne dienen. Haben Sie dazu noch Fragen, Herr Clemens?

Nein... Nein. Senden Sie mir den Bogen per Mail?

Sie nickt. Und sie lächelt. Kleine Grübchen rechts und links. Kleine Lachfältchen um die Augen.

Gut, dann schicke ich es Ihnen bis Ende der Woche ausgefüllt zurück.

Sie bedankt sich, reicht mir diese zarte Hand und wünscht mir noch frohes Schaffen.

Draußen auf dem Flur vor der nun geschlossenen Tür zu einer perfekten Welt atme ich erst einmal durch. Tief durch.

Emanuelle.

Linus schaut nicht einmal von seinem Bildschirm hoch in meine Richtung als ich zur Tür reinkomme. Linus ist groß. Bestimmt knapp zwei Meter. Er hat einen trainierten Körper inklusive Waschbrettbauch, den er in legere Modelabels hüllt. Sein Gesicht ist gleichmäßig und ziemlich männlich. Und zu seinen himmelblauen Strahleaugen passen dann auch noch perfekt das nussbraune, schulterlange, dichte Haar.  

Wir teilen uns ein großes, freundliches Büro mit schickem Inventar. Wir, das sind Linus, Alex und ich. An unserem Büro liebe ich vor allem meinen Bürotisch, der sich motorisiert so wunderbar in seiner Höhe verstellen lässt. Wobei mein Stuhl ist auch super. Der gibt immer so wunderbar nach, wenn man sich mit voller Wucht in die Rückenlehne reinknallt.

Dwu asf wasf m Gschischt.

Alex' Backen sind prall wie die eines Hamsters. In dem Zustand hat er tatsächlich auch eine unfehlbare Verwandtschaft mit diesem kleinen Nager. Alex sieht man nämlich auch ohne Backeninhalt seine Lieblingsbeschäftigung an: Passivmuskelaufbau. Und auf einer sehr kleinen Nase in diesem ballonartigem Gesicht thront dann noch diese Hornbrille in Form einer Nicki-Brille. Und weil Alex immer unglaublich gut gelaunt und hilfsbereit ist, liebkosen wir ihn manchmal verbal mit dem Wort Knuddelbärchen. Vielleicht sollten wir es aber demnächst in Hamster abändern.

Mensch Alex, kau halt mal hinter bevor du sprichst.

Linus schaut kurz auf, fixiert mich und übersetzt:

Mensch, Max, der meint, du hast was im Gesicht. Und wirklich, du hast da was. Ziemlich groß...

Linus gurrt in seinem tiefen Lachen und aus Alex' Mund quält sich ein ersticktes Röcheln.

Scheiße, Mann! Wo?! Was?!

Mein Spiegelbild in meinem Flatscreen schaut mich verzerrt an, während ich den Kopf hin und her drehe und wende und meinen Hals in merkwürdigen Verrenkungen positioniere. Begleitet vom Glucksen der Anderen.

Ich seh nichts!

Entspann dich doch mal! Das süße Schmidtchen wird schon nichts bemerkt haben!

Und wieder diese Lache von Linus.

Du kriegst das eh nicht aus deinem Gesicht! Diese Honigkuchenpferdefresse!

Nun folgt das Echo von Alex.

Ihr seid so doof, ihr seid so doof!

Ich hab mich wohl nicht mehr ganz unter Kontrolle und brülle schon beinahe. Dabei hechte ich durch den Raum. Erst zu Alex. Ich rüttel an seiner Stuhlrückenlehne, die so wunderbar unter seinem Gewicht nachgibt. Schlagartig lasse ich los und springe in Richtung Linus, um ihn nicht zu verschonen.

Insgeheim freue ich mich aber, an die Schmidt erinnert zu werden. An dieses schmale, kleine Gesichtchen mit der kleinen Stirn, den hohen Wangenknochen, den schmalen Bäckchen. Und in der Mitte diese riesigen blauen Kulleraugen. Diese prominente Nase, die sie weniger unfehlbar, weniger unnahbar werden lässt und dieser himmlische volle Mund über dem kleinen Kinn.

Emanuelle.

1 Kommentar 21.8.08 13:15, kommentieren